Die phantastische Welt der Brokatpapiere - Rezension

Foto: T. Karipidis
Foto: T. Karipidis

Daumen hoch für Sägezahnfisch, Einhorn und Co.

Heute möchte ich "Die phantastische Welt der Brokatpapiere" besprechen - ein Sachbuch, das anhand exemplarischer Brokatpapiere der Sammlung Adelheid Schönborn auf ein fast vergessenes Kunsthandwerk aufmerksam macht. Adelheid Schönborn und Michael Rothe haben es herausgegeben, damit sich "auch Menschen, die nicht mit der Materie "Papier" befaßt sind", an der Schönheit und Vielfältigkeit erfreuen können. Der Einführung durch Adelheid Schönborn in die kurze "Geschichte der Sammlung A.S." folgt ein Beitrag von Julia Rinck, "Papier von allerley Farben", der einen Überblick über Buntpapiere im Wandel der Zeit gibt. Eingebettet in 150 farbige Abbildungen auf 184 Seiten, 80 davon ganzseitig, finden sich außerdem Erklärungen zum Thema "Chinoiserie" von Adelheid Schönborn, sowie ein Beitrag von Matthias Hageböck, "Vielfalt durch Puzzeln", der sich einem Rationalisierungsverfahren aus der Frühzeit der Brokat-papierherstellung widmet. Am Ende des Buches werden Verleger der gezeigten Brokatpapiere aufgelistet, Begriffe erklärt, weiterführende Literatur verzeichnet, sowie die Autoren vorgestellt. Das gebundene Buch mit Schutzumschlag mißt 22 x 27,5 cm und wiegt 1135 g bei einer Buchblockdicke vom etwa 2 cm. Es ist 2020 im Haupt Verlag mit der

ISBN 978-3-258-08208-0 erschienen und im deutschen Buchhandel für 49 € erhältlich.

 

Fotos: T. Karipidis
Fotos: T. Karipidis

Der Schutzumschlag macht sogleich neugierig auf die "phantastische Welt". Größe und Gewicht des Buches lassen ein spontanes Durchblättern "auf dem Arm" zu. Das Papier ist angenehm griffig und matt, die Abbildungen im rechten Maße seidenmatt, so daß die Oberfläche nicht spiegelt und Finger keine Abdrücke hinterlassen.

 

Ganzseitige Abbildungen auf den rechten Buchseiten geben Ausschnitte ausgewählter Brokatpapiere der Sammlung annähernd in Originalgröße wieder. Details sind hervorragend erkennbar. Sie ziehen augenblicklich in ihren Bann. 

Mein bisheriges Lieblingsmotiv - ein Meerschaumpfeife rauchendes Eichhörnchen von 1 cm Höhe - habe ich nicht angetroffen, umso mehr haben mich Sägezahnfisch, Einhorn und Co. erfreut. Gegenübergestellte deutlich kleinere Abbildungen geben die jeweiligen Originale in ihrer Gesamtheit wieder. Diesen Übersichtsabbildungen wurden Kurzbeschreibungen der Dekore untergeordet, ergänzt um Details, wie Angaben zum Prägedruck und Untergrund, zur Inventarnummer, Bogengröße und Signatur, die der Orientierung dienen. Einzig daß den ganzseitigen Abbildungen ein Streifen des Dekors fehlen "muß", ist bedauerlich - das historische (höhere) Format hätte den Verkaufspreis unverhältnismäßig ansteigen lassen und infolgedessen weniger Leser erreicht. Die Abbildungen sind den originalen Brokatpapieren, wie ich sie von meiner Arbeit kenne, verblüffend ähnlich - eine wahre Freude! Das für den Prägedruck typische Relief ist optisch erlebbar - die faszinierende Haptik eines Originals ist auch heute nur wenigen Menschen vergönnt.

 

Fotos: T. Karipidis
Fotos: T. Karipidis

 

Die getroffene Auswahl der Brokatpapiere macht die Vielseitigkeit dieser Buntpapierart deutlich - zu meinem Vergnügen tauchen in Archiven nach und nach unzählige weitere Varianten auf. Die gezeigten Brokatpapiere sind zumeist in hervorragendem Zustand - man bedenke ihr Alter von etwa 270 Jahren. Einige sehr wenige Beispiele zeigen eine fortgeschrittene Oxidation der Metallschicht. Auch andere Zeichen der Zeit, wie ein leichtes Verblassen durch Sonnen-licht und Gebrauchsspuren wie Abreibungen, Falten und kleinere Fehlstellen werden der Leserschaft nicht vorenthalten. Die Papiere wirken authentisch, ihr Alter ist spürbar, ohne daß der optische Gesamtgenuß dadurch nennenswert geschmälert wäre.

 

Der einführende, persönliche Text der Sammlerin Adelheid Schönborn, sowie die Beiträge der anderen Autoren verschaffen einen Überblick und gewähren weitere Einblicke in die Materie. Sie sind gut verständlich geschrieben und in ihrer Kürze informativ und einprägsam, außerdem fundiert und kurzweilig zugleich - eine gelungene Art, die Interesse zu wecken vermag. Die Ausführungen werden anhand großer Abbildungen veranschaulicht und sind durchgängig schlüssig. Die dahinter stehende Begeisterung für unser aller Kulturgut "Buntpapier" und die Bereitschaft, Wissen darüber zu vermitteln und andere teilhaben zu lassen ist unverkennbar.

 

Seit 20 Jahren lebe ich in Franken und kann zwei der damaligen Hochburgen der Brokatpapierstellung, Fürth und Nürnberg, mit dem Fahrrad erreichen. Dennoch ist es Georg Christoph Stoy aus Augsburg, einer jener Brokatpapier-verleger, die bisher als Anwender des "Puzzle-Verfahrens" festgestellt werden konnten, zu dem ich einen besonderen Bezug habe, denn mit mir im Studentenwohnheim wohnte W. Stoy, einer seiner Nachfahren. Diesen höre ich heute noch betonen, wie "liebend gerne" er sich mit seinem Maschinenbaustudium abmühe, allein schon um nicht so zu enden wie einer seiner Stoy-Vorfahren, "der nichts konnte und bunte Papierchen verkaufen mußte, der arme Tropf!" Dieser Ausruf erweckte meine Neugier - vor über 30 Jahren konnte ich mir noch Reim auf die ungewöhnlichen "bunten Papierchen" machen. Inzwischen deutet alles darauf hin, daß der "Stoy-Vorfahre" der vielseitigste und bedeutendste Brokatpapierverleger und mitnichten ein "armer Tropf(häusler)" war.

 

Fazit: Ein überaus empfehlenswerter Augenschmaus, der die Tür zur Welt eines phantastischen Kulturguts einladend weit öffnet. Zahlreiche große Abbildungen, begleitet von fundierten Textbeiträgen, machen einer breiten Leserschaft deutlich: Brokatpapiere sind ein Schatz.

 

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